Kriegerdenkmäler, oftmals vergessen, vermüllt und zugewachsen, sind spannender als man gemeinhin denkt: Sie sind Geschichte, sie erzählen Geschichte, sie machen Geschichte – bis heute. Deshalb haben sich acht Studierende der Geschichtswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Wintersemester 2023/24 aufgemacht, fünf dieser Denkmäler, die sich im Stadtgebiet Mainz befinden, zu untersuchen.
Eine Exkursion zu Mainzer Kriegerdenkmälern
Die S.M.S. Kleiner Kreuzer „Mainz“ auf See
Name | S.M.S. (kurz für: Seiner Majestät Schiff) Kleiner Kreuzer „Mainz“ |
Bauzeit | 1907–1909 |
Baukosten | 8.777.000 Mark |
Besatzung | 18 Offiziere, 349-köpfige Mannschaft |
Länge x Breite | 130,5 x 14 Meter |
Bewaffnung | Zwölf 10,5cm-Schnellladekanonen, zwei 45cm-Torpedorohre, zudem zeitweise vier 5,2cm-Schnellladekanonen |
Maschinenhöchstleistung | 22.040 PS |
Höchstgeschwindigkeit | 26,8 Knoten (fast 50 Km/h) |
Und wie seither das Reich Mainz und den Rhein treulich beschützt und bewacht hat, so soll nunmehr nach des Kaisers huldvollem Willen das Patenkind der Stadt Mainz, dieses eisenbewehrte Schiff, mithelfen, das Reich zu schützen. So gleite denn hinab, du stolzes Schiff, in das Element, dem du fortan vermählt bist, […] schütze den Frieden, wahre das Recht und die Ehre des Reichs und führe deine Flagge so, wie es der Kaiser, unser Allerhöchster Kriegsherr, von dir erwartet. […] Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers taufe ich dich: M a i n z. Wir aber geben den Gefühlen unwandelbarer Liebe und Treue zu des Reiches machtvollem Schirmherrn Ausdruck, indem wir rufen: Seine Majestät Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, Hurrah, Hurrah, Hurrah!“
„Es sah auf unserer „Mainz“ schrecklich aus, alles war kaputtgeschossen …“ – der Überlebende Adolf Schneider berichtet vom Seegefecht des 28. August 1914
Hörspiel
Die Baugeschichte des „Kreuzer Mainz“-Denkmals
Der finale Bauplan vom 5. Juli 1939
Die Gegenüberstellung der Bilder aus den Jahren 1961 und 2024 zeigt, dass sich am Denkmal kaum etwas, dafür an seiner Umgebung umso mehr geändert hat
Dieser Lageplan verdeutlicht die Nähe des Stresemann-Denkmals (pink eingezeichnet) zur Fischtortreppe, an deren linken Ende das „Kreuzer Mainz“-Denkmal nur wenige Jahre später errichtet werden sollte
Das Gedenken an die Verstorbenen der S.M.S. „Mainz“ außerhalb von Mainz
Das „Kreuzer Mainz“-Denkmal entschlüsselt – Inschriften und Bildsprache verstehen
Gedenken am Fischtorplatz? – Eine Chronologie
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05.07.1931
Die Einweihungsfeier des Gustav Stresemann-Denkmals am Fischtorplatz findet mit französischen Gästen statt. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Dingeldey hält die Gedächtnisrede.
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1933
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird das Stresemann-Denkmal für den Publikumsverkehr geschlossen.
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Nach 1936
Das Gustav-Stresemann-Denkmal wird von den Nationalsozialisten abgerissen.
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25.–28.08.1939
Die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Gründungsjubiläum der Marinekameradschaft Mainz, dem 25. Jahrestag des Untergangs des Kreuzers und der Errichtung des Ehrenmals für den Kreuzer werden teilweise durchgeführt.
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18.10.1951
Marineveteranen beschweren sich über den Zustand des Denkmals bei der Stadt Mainz und erbitten eine Instandsetzung. Der Bitte wird stattgegeben, und das Denkmal wird nach und nach in Stand gesetzt.
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29.05.1953
Der Marineverein beschwert sich bei der Stadt Mainz über die Plakatierung des Denkmals sowie über die mittlerweile von Autos zugeparkte Fläche. Die Plakate werden entfernt, die Autos dürfen mit Verweis auf das hohe Verkehrsaufkommen weiterhin am Denkmal parken.
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28.08.1953
Die Gedenkfeier zum 39. Jahrestag des Untergangs der „Mainz“ wird mit Beflaggung am Denkmal durch die Stadt durchgeführt. Allerdings weigert sich die Stadt, einen Kranz zu stiften. Man verweist auf die traditionelle Kranzniederlegung durch den Verein.
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11.11.1953
Die durch die Beschwerde des Marinevereins im Jahr 1951 angestoßene Instandsetzung des Denkmals ist mit einem Kostenaufwand von ungefähr 2.320 DM fertiggestellt.
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28.08.1955
Eine weitere Anfrage der Kranzstiftung durch den Marineverein an die Stadt Mainz wird mit einer Absage beantwortet. Es sei unüblich und auch nicht für andere militärische Vereinigungen erfolgt oder geplant.
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Oktober 1960
Die erste von der Stadt unterstützte Feierlichkeit findet statt. Oberbürgermeister Stein führt die Kranzniederlegung durch. In seiner Amtszeit (1949–65) beginnt die Tradition, am Volkstrauertag einen Kranz für das Denkmal zu stiften. Durch ein vorangegangenes NATO-Manöver ist auch das 3. Minensuchgeschwader vor Ort und nimmt an den Feierlichkeiten teil.
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28.08.1964
Die Gedenkfeier anlässlich des Untergangs der SMS „Mainz“ vor 50 Jahren findet im Beisein der letzten Überlebenden des Untergangs und des 3. Minensuchgeschwaders statt. Da die Feierlichkeit in der Kritik steht, betont man bei dieser Veranstaltung den Willen, ein Bewusstsein zu schaffen, welches eine weitere Katastrophe (wie Krieg) in Zukunft verhindern könne.
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1997
Eine Kranzniederlegung im Zuge einer erneuten Gedenkveranstaltung mit dem 3. Minensuchgeschwader findet statt.
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2014
Der Friedensaktivist Hans Ripper entfernt den von der Stadt niedergelegten Kranz, der zum 100-jährigen Jahrestag von der Stadt durch Oberbürgermeister Michael Ebling gestiftet worden war. Ripper wurde dabei gefilmt und stellte das Video im Anschluss ins Netz.
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April 2020
Eine Antwort auf eine von der Stadtratsfraktion der AfD gestellten Anfrage bezüglich der Verschmutzung und Besprühung des Denkmals ergibt, dass in den letzten 10 Jahren etwa 2.000 € für vier Reinigungen des Denkmals aufgewendet wurden.
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10.03.2021
Ein gemeinsamer Antrag der Grünen und Linken-Fraktion wird beim Ortsbeirat Mainz-Altstadt eingereicht, in dem um einen Stopp der Kranzniederlegung gebeten wird. Die CDU-Fraktion spricht sich gegen die Aussetzung der Gedenkfeiern aus. Zusätzlich fordern die Antragstellenden eine das Denkmal einordnende Informationstafel, was auf allgemeine Zustimmung stößt. Der Antrag wird mit 7:5:1 Stimmen beschlossen.
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18.01.2023
Die Grünen stellen die Anfrage, warum trotz der 2021 beschlossenen Empfehlung, keine Kränze mehr am Denkmal abzulegen, weiterhin diese Praxis durchgeführt wird. Oberbürgermeister Günter Beck begründet dies mit dem Gedenken an die Opfer des Krieges.
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12.07.2023
Die Stadtratsfraktionen der Grünen, FDP und SPD sprechen sich noch einmal für die Errichtung einer einordnenden Informationstafel am Denkmal aus.
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19.11.2023
Oberbürgermeister Nino Haase bricht mit der Tradition und spendet im Zuge des Volkstrauertages keinen Kranz mehr zum Gedenken am Denkmal selbst.
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24.01.2024
Oberbürgermeister Nino Haase antwortet auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im Ortsbeirat Mainz-Altstadt: Eine Historische Einordnung durch eine Informationstafel sei nötig, eine Umwidmung wird in Betracht gezogen. So könne das Denkmal ein Erinnerungsort bleiben.
Ein Denkmal entsteht – von der Baugeschichte bis zur Einweihung
Postkarte: Gruß aus Ebersheim bei Mainz
Einweihung | 3. November 1935 Zeit des Nationalsozialismus |
Baukosten | 6.500 RM |
Künstler | Bildhauer Carl Hoffmann |
Inschriften | Gedenket der Toten des Krieges und wofür sie starben 1914 – UNSEREN HELDEN – 1918 |
Errichtet für | Gefallene des Ersten Weltkriegs; Erweitert für Gefallene des Zweiten Weltkriegs |
Renovierung | 2009 |
Wissenswertes | Erinnerung an zwei jüdische Gefallene Erinnerung an einen SS-Sturmmann Eingemauerte Zeitkapsel, gefunden bei der Renovierung 2009 |
Er gedachte des Heldentums der Gefallenen, das ewig fortleben werde im deutschen Volk. Auch der für das neue Reich Gefallenen als den Wegbereitern deutscher Zukunft, deutscher Größe und Ehre gedenkend, rief er zu einem Treugelöbnis für den Führer auf.“
Heldengedenktag 1941 (Foto: Sammlung Dr. Rudolf Büllesbach)
Das Denkmal untersuchen – Interpretation und Symbolik
„Gedenket der Toten des Krieges und wofür sie starben“
Die Renovierung und Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur
Fotos: Sammlung Dr. Rudolf Büllesbach
Die Architektur des Ehrenhofes
Die Geschichte des 117er Regiments
Das Regiment und Mainz
Manöver der 117er im Mainzer Sand bei Gonsenheim
Einweihungsfeier des Ehrenhofes
Werbeplakat für den Regimentsappell im Jahr 1937
Der Ehrenhof nach dem Zweiten Weltkrieg
Beschreibung des Denkmals
Der bronzene Soldat
Interpretation des Denkmals
Der Künstler der Bronzestatue – Wilhelm Eugen Merten
Die Gedenktafeln und die Gefallenen des Kriegerdenkmals Mainz-Bretzenheim
Das Bild zeigt die Frontseite der Stele mitsamt der Widmung der Gemeinde
Das Leben der gefallenen Soldaten des Bretzenheimer Kriegerehrenmals
Das Geburtsdatum der Gefallenen ließ sich in allen 131 im Stadtarchiv vorzufindenden Dokumenten feststellen. Das früheste Geburtsjahr war 1872, das späteste 1899. Der jüngste Gefallene war zum Zeitpunkt seines Todes also gerade 18 Jahre und 29 Tage alt. Der älteste Gefallene war zum Zeitpunkt des Todes 42 Jahre alt. Auffällig ist, dass ein erheblicher Teil der Gefallenen (41 Männer) im Zeitraum von 1890 bis 1892 geboren wurde, mithin zwischen 22 und 28 Jahre alt und im besten Jugendalter waren, als sie der Tod auf dem Schlachtfeld ereilte.
Die Konfession der Gefallenen ließ sich in 123 von 131 Fällen herausfinden. Eine deutliche Mehrheit der Gefallenen (96) war katholischer Konfession, 18 Gefallene waren evangelisch, acht jüdisch.
Der Familienstand der Gefallenen ließ sich bei 121 von 131 herausfinden. Während 83 Gefallene zum Zeitpunkt ihres Todes ledig waren, waren 38 verheiratet. Von den 38 Verheirateten waren nur zwölf Ehepaare kinderlos. Die hohe Anzahl an ledigen Männern lässt sich durch das teilweise sehr junge Todesalter erklären. Eine Vielzahl der Gefallenen war nur knapp über 18 Jahre alt.
Darüber hinaus konnte den Akten des Stadtarchivs auch der Beruf der Verstorbenen entnommen werden. Zu insgesamt 89 Personen finden sich einschlägige Angaben. Ganz überwiegend handelte es sich bei den Bretzenheimer Gefallenen um Handwerker. Fünfzehn Maurer, zwölf Landwirte, sieben Gärtner, aber auch Schlosser (sieben), Schreiner (sechs), Fabrikarbeiter (fünf) und Tüncher (fünf) und viele weitere handwerkliche Berufe finden sich in den überlieferten Sterbeverzeichnissen. Einzig zwei Kaufmänner und ein Bürobeamter fallen aus dem klassischen handwerklichen Berufsmuster heraus.
Schließlich konnten bei 70 Soldaten die militärischen Dienstränge festgestellt werden. Die große Mehrzahl der Bretzenheimer Gefallenen waren „Musketiere“ (20), „Landstürmer“ (10), „Kanoniere“ (4) oder „Füsiliere“ (4), bei neun Reservisten ist der Dienstgrad nicht angegeben. Nur drei Unteroffiziere und zwei Offiziere befanden sich unter den Gefallenen des Bretzenheimer Kriegerdenkmals – man könnte es daher als ein Ehrenmahl der einfachen Soldaten und ihres Kriegsleidens bezeichnen.
Ebenso liefern die Akten nähere Informationen zu den Todesursachen der Soldaten. Bei 38 von 90 Gefallenen findet sich die Angabe “gefallen”, elf allerdings sind bei Artilleriegefechten ums Leben gekommen, acht durch Granatsplitterverletzungen, sechs Personen wurden “verwundet” und starben daraufhin. Im Hintergrund solcher Todesfälle dürfte der bei den Soldaten des Ersten Weltkrieges so gefürchtete sogenannte Wundbrand stehen, eine schlimme und oft schmerzhafte Wundinfektion, die angesichts noch fehlender Antibiotika oft tödlich verlief. Bei den beiden auf dem Denkmal erinnerten Matrosen, die auf See gestorben sind, wurde nur “ertrunken” notiert.
Bei 90 von 131 Verstorbenen konnte der genaue Ort, an dem die Person gefallen ist, identifiziert werden. Die Mehrheit der auf dem Bretzenheimer Kriegerdenkmal geehrten Gefallenen (62) ist in Frankreich ums Leben gekommen. Elf sind in Deutschland gestorben, wobei es sich hier ausschließlich um Personen handelt, die an den Kriegsfolgen in der Heimat gestorben sind. Bei acht Soldaten konnte der Sterbeort in Belgien identifiziert werden, ebenso acht im heutigen Polen sowie jeweils einer in der heutigen Ukraine und dem heutigen Rumänien.
Gefallene im Westen
Umbauarbeiten (1956/57)
Historisch-gesellschaftliche Relevanz des Ehrenmals
Gefallenendenkmal beschmiert
BRETZENHEIM (ber). In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag haben Unbekannte in Bretzenheim das Gefallenendenkmal geschändet. Das Ehrenmal auf dem Gelände der Kirche St. Georg wurde auf allen vier Seiten mit Schriftzügen beschmiert, darunter etwa "Antifa lohnt sich" oder "Nazi Pigs".
Warum sich die Täter dieses Denkmal ausgesucht haben, ist unklar. […]
Die Polizeiinspektion Mainz 3 ermittelt nun wegen Sachbeschädigung. Hinweise bitte unter Telefon: 06131-654310.
(Quelle: Gefallenendenkmal beschmiert, in: Allgemeine Zeitung, 23.04.2016.)
Die historisch-gesellschaftliche Relevanz des Ehrenmals in Mainz-Bretzenheim
Die Entstehungsgeschichte des Denkmals
Als oberster Grundsatz kam bei den Beratungen zum Ausdruck, daß unter allen Umständen darauf gesehen werden muß, daß für Weisenau nur eine würdige Gedenkstätte in Frage kommen kann und dementsprechend in Material und künstlerischer Ausstattung hochwertig auszuführen sei. Ferner kam zum Ausdruck, daß alles vermieden werden soll, was den Krieg als solchen in irgend einer Form verherrlicht.“
Nun Bevölkerung von Weisenau beweise, daß du unsere gefallenen Brüder nicht vergessen wirst! Hilf mit durch tatkräftige Unterstützung, daß das Werk gelingt! Die Kriegshinterbliebenen und unsere Nachkommen werden es Dir danken!“
Kurzbiographien wichtiger zeitgenössischer Akteure
Friedrich Freudenberger (geb. am 10. Oktober 1887 in Bad Dürkheim, gest. am 4. April 1968 in Mainz), kam 1911 nach Weisenau, um als Schlosser und später als Vorarbeiter im dortigen Zementwerk Portland zu arbeiten. Er hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen, aus dem er kriegsversehrt zurückgekehrt war und mit gesundheitlichen Folgen wie Taubheit lebenslang zu kämpfen hatte. Bereits ab dessen Gründungsjahr 1917 war er Mitglied im „Reichsbund der Kriegs- und Zivilgeschädigten“ und ab ca. 1921 Vorsitzender der Ortsgruppe Weisenau. Ab 1927 arbeitete er hauptamtlich in der Mainzer Geschäftsstelle des Reichsbundes. Mit der „Gleichschaltung“ des Reichsbundes durch die Nationalsozialisten wurde Freudenberger 1933 entlassen und dadurch arbeitslos, was ihn nach eigenen Angaben sehr belastete und seine Gesundheit schwächte. Etwa 1935 zog er mit seiner Familie nach Bodenheim, wo er sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges für die Neugründung des Reichsbundes einsetzte. Freudenberger wurde vom Weisenauer Heimatforscher und ehemaligen Ortsvorsteher Max Brückner in jüngerer Vergangenheit als der Initiator des Denkmals in Weisenau bezeichnet. Fest steht, dass er als Leiter der Ortsgruppe des Reichsbunds eine maßgebliche Rolle für die Entstehung des Denkmals hatte. Darüber hinaus ist er auf persönlicher Ebene mit dem Bauwerk verbunden: Die Namen seiner beiden im Zweiten Weltkrieg gefallenen Söhne sind auf dem Denkmal vermerkt.
Johann Neidecker (geb. am 13. August 1874, gest. am 22. November 1929) war von 1920 bis zu seinem Tod der einzige hauptamtliche und überhaupt letzte Bürgermeister Weisenaus. Er stammte aus dem Odenwald, kam aber 1897 zur Preußisch-Hessischen Eisenbahnverwaltung nach Mainz und heiratete 1900 in Weisenau. Seit 1907 saß er ununterbrochen im dortigen Gemeinderat und war 1919 Bürgermeisterkandidat der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Er verhandelte die Eingemeindung Weisenaus nach Mainz mit, die er wegen seines frühen Todes aber nicht mehr erlebte. Sein Tod löste in der Bevölkerung große Anteilnahme aus. Auch wurde die Errichtung des Denkmals anlässlich seines Todes in einem Sitzungsprotokoll des Gemeinderates als „sein Werk“ gewürdigt. In Weisenau ist eine Straße nach ihm benannt und sein Grab zählt noch heute zu den wenigen gepflegten und gut erhaltenen auf dem Alten Friedhof.
Fritz (Friedrich) Sulzbach (geb. am 26. Juli 1897, gest. am 21. Juli 1939) stammte aus Weisenau. Er besuchte die Baugewerkschule in Darmstadt und die Kunstgewerbeschule in Mainz, blieb aber ohne Abschluss. Er leistete von September 1914 bis Dezember 1915 sowie von Oktober 1916 bis November 1918 freiwilligen Militärdienst und arbeitete danach als Architekt und Künstler. Zwischen 1921 und 1922 schuf er eine Gedenktafel für die Weltkriegstoten der evangelischen Gemeinde Weisenau. Ab 1923 war er außerdem Lehrer in Nieder-Olm und Weisenau, später in Mainz. Er schuf das Weisenauer Denkmal ohne finanzielle Gegenleistung und half auch 1927/28 den Mitgliedern der Weisenauer Ortsgruppe des Reichsbundes kostenlos in Bauangelegenheiten, weshalb eine gewisse Verbundenheit zum Reichsbund naheliegend ist. Der Gesangverein „Liedertafel“, der bei der Denkmalseinweihung sang, vermerkt in seiner Chronik „mit besonderem Stolz“, dass der Entwurf für das Denkmal von einem seiner Sänger stammte. Ab 1931 stellten sich massive gesundheitliche Probleme ein. Er war immer wieder dienstunfähig erkrankt und starb im Alter von 42 Jahren. Das Tor zu seinem Weisenauer Wohnhaus trägt noch heute seine Initialen.
Gründungsurkunde des Ehrenmals (Kopie), 20. August 1925
(Stadtarchiv Mainz, NL 166/2)
Die Einweihung des Denkmals
Stadtarchiv Mainz, Bild- und Planarchiv (analog)
Transkription: Einweihung der Krieger-Gedächtnisstätte in Weisenau.
„In einer erhebenden Trauerkundgebung für die gefallenen Söhne der Gemeinde Weisenau gestaltete sich die am 28. März stattgefundene Einweihungsfeier der Krieger-Gedächtnisstätte auf dem hiesigen Friedhof. Unter dem Geläute sämtlicher Glocken der beiden Kirchen marschierten um 11 Uhr vormittags sämtliche Ortsvereine mit ihren Fahnen vom Marktplatze aus, wo sie sich gruppiert hatten, nach dem Friedhofe. Dem Zuge voran schritten die hinterbliebenen Kinder und Frauen der im Weltkriege Gefallenen, die Kriegsgeschädigten, die Veteranen von 1866 und 1870, die Gemeindevertretung, die beiden Ortsgeistlichen; Vertreter der Regierung und der Kreisverwaltung. Fast sämtliche Häuser hätten zum Ausdruck der Teilnahme an der Trauerkundgebung ihre Fahnen halbmast gehißt. Eingeleitet wurde die Feier auf dem Friedhof, wo sich der größte Teil der Bevölkerung und eine Anzahl geladener Gäste versammelt hatte, durch den Vortrag des Gesangverein Sängerlust „Weltenfriede”, dem sich der Choral „Chor der Priester” des Musikvereins anschloß. Sodann erfolgte durch Herrn Bau-Inspektor Beyer namens des Arbeits-Ausschusses die Uebergabe der Gedächtnisstätte an Herrn Bürgermeister Neidecker zur dauernden Wartung und Pflege. Herr Beyer führte dabei u. a. folgendes aus: „Als der Gemeinderat vor etwa Jahresfrist der Errichtung einer Kriegergedächtnisstätte für die Gefallenen der hiesigen Gemeinde zugestimmt und einen Arbeits-Ausschuß hierführ gewählt hatte, wurde sofort mit den nötigen Vorarbeiten begonnen und schon Ende Juni 1925 konnte die Grundsteinlegung in Anwesenheit des gesamten Arbeits-Ausschusses erfolgen. Aus eigener Kraft hat sich die Bevölkerung von Weisenau dieses Gedenkzeichen gegeben. In hochherziger Weise wurden Baustoffe von hiesigen und auswärtigen Firmen beigesteuert. Die Unternehmer stellten sich dadurch in den Dienst der Sache, daß sie die Ausführung der Bauarbeiten ohne jeglichen Gewinn tätigten. Allen Mitarbeitern, allen Spendern, Stiftern, Helferinnen und Helfern namens des Arbeits-Ausschusses herzlicher Dank” – Eine sichtbare Ergriffenheit war bei allen Anwesenden zu bemerken als die Hülle gelöst und die beiden Reliefs des Denkmals, die den Abschied des Kriegers und die trauernde Gattin mit Kindern darstellend, sichtbar wurden. Nach dem Choral: „Niederländisches Dankgebet” ergriff nunmehr Herr Bürgermeister Neidecker namens der Gemeindevertretung das Wort zu folgenden Ausführungen:
„Hochverehrte Teilnehmer! Werte Gäste, werte Damen und Herren! Was wir so lange und so sehnlichst erwarteten ist nunmehr zur Tat geworden. Die Hülle der neuen Krieger-Gedächtnisstätte ist gefallen und Sie sind heute unserem Rufe gefolgt, um die Weihe dieses wunderbaren Kunstwerkes in würdiger Weise vollziehen zu helfen. Ich begrüße Sie alle – die Hunderte und Tausende, die Herren Regierungsvertreter und sonstigen werten Gäste, die immerbereiten Vereine und die liebe Bevölkerung namens der Gemeindevertretung auf das herzlichste. Der erste Auftakt der Weihe ist bereits vollzogen. Von dem Arbeits-Ausschuß wurde durch Herrn Beyer das Kunstwerk der Gemeinde übergeben, das dem Gedächtnis unserer gefallenen Helden dient und das in verhältnismäßig kurzer Zeit entstanden ist. Welche Gefühle uns beim Anblick dieses nunmehr enthüllten Kleinodes bewegen, brauche ich nicht besonders zu schildern. Der herzlichste Dank gebührt allen denen, die dazu beigetragen haben, ohne Inanspruchnahme fremder Mittel, den Bau zu vollenden. Welche Arbeit und Mühe war mit der Errichtung verbunden. In rastloser und aufopfernder Tätigkeit haben Künstler, Arbeitsausschuß und Unternehmer seit Monaten gewirkt, um einen solchen Bau ermöglichen zu können und dies alles in der uneigennützigsten Weise. Die Vorgeschichte der Errichtung der Gedächtnisstätte ist kurz folgende:
Die Anregung zur Errichtung gab die hiesige Ortsgruppe des Reichsbundes für Kriegshinterbliebene und Kriegsbeschädigte vor Jahresfrist. Die ganze Bevölkerung stand der Errichtung sympathisch gegenüber, was die Aussprache einer damals einberufenen Vertretung von Vereinen bewies. Alsbald wurde vom Gemeinderat ein Arbeits-Ausschuß gebildet und dieser befaßte sich umgehend mit den nötigen Vorarbeiten. Eine Ausschreibung von Entwürfen fand nicht statt; hatten wir doch in unseren Mauern unseren jungen Künstler Fritz Sulzbach, der ebenfalls in der uneigennützigsten Weise in kurzer Zeit Modelle und Skizzen lieferte, die den ungeteilten Beifall des Ausschusses und der Gemeindevertretung fanden. Nachdem auch noch der Gemeinderat die Genehmigung erteilt und noch die fehlenden Baugelder vorlagsweise zur Verfügung gestellt hatte, konnte mit dem Bau begonnen werden. Fast alle an der Gedächtnisstätte verwendeten Materialien sind unentgeltlich geliefert und die Namen der edlen Spender auf immer mit dem Bau innigst verbunden. Alles weitere haben Sie aus den Ausführungen des Herrn Beyer bei der Uebergabe erfahren. Also nochmals herzlichsten Dank allen denen, die durch Rat und Tat ein solches Werk ermöglicht haben. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Gemeinde hat nun das Ehrenmal zur dauernden Unterhaltung und Behütung übernommen. Ich darf Sie wohl versichern, daß es stets das innigste Bestreben der Gemeindebehörde sein wird, dieses schöne Kunstwerk in Ehren zu halten. Sind wir doch unseren gefallenen Helden so viel Dank schuldig. 206 unserer Besten sind dem großen Völkerringen zum Opfer gefallen und die Mütter, Frauen und Kinder ihres Ernährers beraubt worden. Wir werden nie vergessen, was sie für uns getan haben; sie mußten sterben, auf daß wir leben. Aber dennoch sind sie für uns nicht tot. Im Geiste ziehen sie heute alle an uns vorüber, die braven und wackeren Helden. Mögen sie gut ruhen in fremder Erde und mögen die trauernden Angehörigen bei dem Anblick der Weihestätte die Ueberzeugung gewinnen, daß die Gemeinde Weisenau ihre braven Helden nie vergißt. Ihr Gedächtnis wird uns stets heilig sein. Zum Zeichen unserer Trauer lege ich namens der Gemeinde nun zum ewigen Andenken an die gefallenen Helden diesen schlichten Kranz an dem Ehrenmal nieder und rufe ihnen zu: Auf Wiedersehn in lichten Höhen.“
Hierauf schloß sich weihevoll der durch den Gesangverein Einigkeit vorgetragene Chor „Den Entschlafenen“ wie der nachstehende Weiheprolog gesprochen von der Kriegswaise Anna Wolf, an:
Der Vater, Bruder, Bräutigam und Sohn,
In fernem, fremdem Boden schlummernd liegt.
Nicht ward Euch Sieg, doch ewiger Gotteslohn.
Ihr wurdet Helden! Bliebt doch unbesiegt.
Ihr kehrtet, ach, zu unserm heißen Schmerz,
Zurück nicht in das traute Heimathaus,
Es brach uns, Euren Lieben, fast das Herz:
Drum sei Euch Tapfern übers Grab hinaus
Erinnern, Liebe, Dank der deutschen Jugend,
Geweiht mit dem Gelöbnis, daß allzeit
Wir selbstlos Euch nachstreben in der Tugend;
Zu Opfern stets fürs Vaterland bereit. –
Für’s Vaterland woll’n Höchstes wir erreichen,
Es soll von hier das Wort zum Himmel geh’n
Zu Eurem Denkstein, Eurem Ruhmeszeichen:
Ihr mußtet sterben! Deutschland muß besteh’n!
Der Vorsitzende der Ortsgruppe des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen, Herr Freudenberger, gedachte in zu Herzen gehender Ansprache der im Weltkriege gefallenen und in fremder Erde ruhenden Söhne der hiesigen Gemeinde. Im Namen der Weisenauer Kriegsopfer sprach er der Gemeindevertretung und dem Arbeits-Ausschuß den tiefgefühlten Dank für die Erstellung dieses Kunstwerkes aus und legte im Auftrage der Hinterbliebenen einen schlichten Lorbeerkranz nieder. Auch die beiden Ortsgeistlichen, Herr Pfarrer Sieben und Herr Pfarrer Page widmeten den Heldensöhnen warme Nachrufe und ermahnten die Hinterbliebenen und die anwesende Trauerversammlung dem Beispiel der Pflichttreue dieser Helden in jeder Beziehung zu folgen. Als Vertreter des Herrn Ministers des Inneren und des Kreisamtes Mainz, gab Herr Regierungsrat Dr. Falck dem Mitgefühl für die Hinterbliebenen und der Freude über die Errichtung dieses prachtvollen Gedenkzeichens Ausdruck. Mit besonderer Genugtuung bewunderte er den Opfersinn der Gemeinde Weisenau, der ein solches Werk erstehen ließ. Voll Trauer und Dankbarkeit für die Heimgegangenen legte er namens des Kreises Mainz einen Lorbeerkranz mit den hessischen Landesfarben nieder. – Dem Ernste des Tages entsprechend trugen noch der Evangelische Kirchengesangverein die Chöre „Bitte um Frieden“ und der Gesangverein Liedertafel „Die Sonne sank“ vor. Unter den schlichten Weisen „Ich hatt’ einen Kameraden“ trennte man sich von der hehren Stätte.
Und so erstrahlt nun auf dem Weisenauer Friedhof als ständiges Wahrzeichen der Dankbarkeit für die Gefallenen dieses hehre Ehrenmal. Weisenau kann stolz sein, ein solches Kleinod zu besitzen. – –
Das Kunstwerk, das zwischen dem alten und neuen Friedhof seine Aufstellung gefunden hat, ist aus Beton mit Mischenkalkvorsatz. Der von den beiden Reliefs getragenen Architrav hat die Inschrift:
„Den Gefallenen. Ihr Gedächtnis ist uns heilig.“
Die Namen der 206 Gefallenen ziehen sich in kupfergetriebenen Schriftplatten zu beiden Seiten der Reliefs hin.
Transkription: *Weisenau. Die Einweihung der neu errichteten Kriegergedächtnisstätte fand am Sonntag auf dem hiesigen Friedhofe unter Beteiligung fast aller Gemeindeangehörigen und vieler Gäste statt und nahm einen würdigen Verlauf. Nachdem der Arbeitergesangverein „Sängerlust“ in klangvollprächtiger Weise sein „Alle Völker wollen Frieden“ gesungen hatte, übergab Herr Beyer die Gedächtnisstätte der Gemeinde und gedachte mit warmen Worten aller, die an deren Zustandekommen gearbeitet haben und derjenigen, derem [sic!] Gedächtnis dieselbe geweiht ist. Der Herr Bürgermeister dankte bewegt und hob in seiner Ansprache hervor, daß Einigkeit und Friede in der Gemeinde dieses Werk ermöglicht haben. Im Namen der Kriegshinterbliebenen sprach Herr Freudenberger und fand zu Herzen gehende Worte. Eine Kriegswaise, Frl. Wolf, trug einen kurzen Weiheprolog vor, und als Vertreter der Regierung und der Kreis- und Provinzialbehörde sprach Herr Regierungsrat Dr. Falk, während zwischendurch die Gesangvereine ihre Chöre vortrugen und die Musik spielte. Der evangelische Geistliche, Herr Pfarrer Page, hielt eine Ansprache und verstand es, in vornehm taktvoller Weise die Empfindungen Andersdenkender nicht im geringsten [sic!] zu verletzen. Anders der katholische Geistliche, Herr Pfarrer Sieben. Wenn die Leute Friede wollen, kann sein Weizen nicht gedeihen. Er nahm die Gelegenheit wahr, wo ihm keiner entgegnen konnte, und hielt eine Brandrede, die nur durch ihre Hohlheit keinen größeren Schaden verursachte. Er maßte sich an, der Dolmetsch der Gefallenen zu sein, deren letzte Wünsche er zu vermitteln habe [.] Diese letzten Wünsche versucht er in halb verschleierter Weise als das Verlangen nach der Konfessionsschule darzustellen, und er sprach von den „falschen Erziehern, die in der Nachkriegszeit Gift in die Herzen der Jugend gestreut hätten” (Vielleicht meinte er damit seine Berufskollegen und Parteifreunde). Im gleichen Atemzuge verhöhnte er die Bestrebungen zur Körperpflege und damit den Sport überhaupt. Was der Jugend mit dem „Schlagworte“ Körperpflege als Ersatz für die Religion (!!) geboten würde, wäre Talmi. Das allein notwendige sei Religion. Ein solches Lied singt der berufene Vertreter christlicher Liebe und Duldsamkeit im Augenblicke höchster Weihe und Gedenkens. Der letzte Akt einer Summe gedeihlichen Zusammenarbeitens aller Richtungen in der Gemeinde endete so mit einem häßlichen Mißklang.
Weisenauer Zivilopfer im Zweiten Weltkrieg
Ich war damals 16 Jahre alt und lebte mit meinen Eltern in der Taunusstraße (heute: Im Leimen), damals Haus Nr. 21. Bei Fliegeralarm suchten wir in aller Regel einen sogenannten Splittergraben westlich der Westendstraße auf. Dort gab es zwei voneinander getrennte Schutzbauten dieser Art auf freiem Feld. Am 19. Oktober 1944 gab es nach lange vorher ergangenem Voralarm gegen 13 Uhr Vollalarm. Es blieb zunächst ruhig – von Überfliegern und Flakbeschuß abgesehen.
Als es Vollalarm gab, verließ ich meine Lehrstelle am Graben in Mainz und lief über Stadt- und Volkspark nach Hause; mit mir lief der Weisenauer Heinz Zwilling. In Höhe der Ketteler-Siedlung sahen wir, weil es sonnig und klar war, wie die Flugzeuge sich in Gruppen nach rechts und links teilten und Rauchzeichen setzten. Von der Göttelmannstraße liefen wir nun quer über die Äcker zu den Splittergräben, wo ich meine Mutter vermutete. Die war aber an diesem Tag zu den Kellern in der Mönchstraße gelaufen.
Weil jeder in dem Splittergraben einen bestimmten Platz hatte, lief ich durch den Gang des Grabens, um dorthin zu kommen, wo sich sonst meine Mutter aufhielt. Von dem Zeitpunkt an ist meine Erinnerung zu Ende. Als ich wieder zu mir kam, hatten mich Soldaten aus den Trümmern der Grabenmauern und aus den Betonbrocken herausgezogen; sie führten mich in einen nahegelegenen Garten am heutigen Bettelpfad. Ich muß lange bewußtlos gewesen sein und stand noch immer unter Schock. Alle Kleider waren mir vom Leib gerissen, ich hatte nur noch ein Hemd an. Mein Gesicht war geschwärzt und mein Mund war voll von Erde. Dann muß ich erfahren haben, daß meine Mutter an der Mönchstraße zu suchen sei, denn ich lief alsbald dorthin – so, wie ich war. Unterwegs sah mich der Weisenauer Martin Schmitt, der bis heute nicht meinen Anblick vergessen hat. Dessen Mutter war auch in dem Graben umgekommen.
Vom Keller Mönchstraße aus nahm mich Frau Köppe aus dem Haus Zollgasse 6 mit nach Hause, um mich zu säubern und neu einzukleiden. In diesem Augenblick muß mich das schreckliche Erleben erst richtig gepackt haben, denn ich verlor die Sprache und fand sie erst 14 Monate später wieder. Sogar meine Regelblutungen blieben aus und setzten erst im 19. Lebensjahr wieder ein.
Bei dem Angriff verloren wir auch unsere Wohnung und allen Hausrat. Bei Familie Schömbs in der Römerstraße, heute Blussusstraße, kamen wir danach unter.
Quelle: Zitiert aus: Geschichts- und Brauchtumsverein Mainz-Weisenau e.V. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte Weisenaus (Band 8), Mainz 2015, hier S. 49.
Aufgeschrieben von Norbert Falkenhage.
Am 10.10.1944 [Anm. d. Verf.: Hierbei handelt es sich vermutlich um einen Tippfehler in der Publikation, gemeint ist mit ziemlicher Sicherheit der 19.10.1944.] war um die Mittagszeit in Weisenau Fliegeralarm. Bei unserer Oma, Frau Christine Balz, geb. Gill in der Westendstraße, standen noch Essensreste auf dem Tisch – Kartoffelsalat und gebackene Rheinfische. Oma, Tante Sefa mit Rita, Karlchen und die Tante Suss ließen alles stehen und liegen und rannte[n] in den Splittergraben, der sich unmittelbar hinter den westlichen Hausgrundstücken befand. Auch etliche andere Hausbewohner aus der Westendstraße, dem Bretzenheimer Weg und dem Heiligkreuzweg rannten dorthin.
Die Hoffnung der schutzsuchenden Weisenauer Zivilisten, dass es auch diesmal zu keinen Bombenabwürfen kommen würde, erfüllte sich nicht. Die Bomben fielen zwar nicht flächendeckend, aber ausgerechnet im Bereich des Splittergrabens [...]. Mit verheerenden Folgen. Es gab über 40 Tote – Kinder, Frauen und ältere Männer, die zum Teil in Stücke gerissen wurden und es gab eine Vielzahl von verletzten und traumatisierten Personen.
Rita kann sich noch gut daran erinnern, dass sie von einem Hausnachbarn, Herrn Hohmann, unter einem leblosen Körper eines Erwachsenen herausgezogen und am oberen Böschungsrand abgelegt wurde. Herr Hohmann hätte gesagt: „das Ritache ist auch tot”. Als sie an der Böschung ins Rutschen kam, hätte der Weisenauer Pfarrer Sieben, der einer der ersten Helfer gewesen wäre, sie aufgehoben und zu den anderen oben liegenden Toten gelegt. Sie hätte das alles mitbekommen, wäre jedoch nicht in der Lage gewesen, sich bemerkbar zu machen – wohl unter der Schockwirkung.
Erst am Nachmittag wurde bemerkt, dass sie noch am Leben war. Viele der Überlebenden hatten giftige Explosionsgase eingeatmet und dadurch mit ihrer Atmung große Probleme. So auch unsere Oma, die deshalb sogar ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Unsere Tante Suss [...] hatte einen schweren Nervenzusammenbruch und wurde mit einem Leiterwagen zu ihrer Wohnung in der Hohlstraße gebracht ins Anwesen Wolf. Bei dem Transport hatte sie hysterische Anfälle.
Quelle: Zitiert aus: Geschichts- und Brauchtumsverein Mainz-Weisenau e.V. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte Weisenaus (Band 8), Mainz 2015, hier S. 47.
Wir haben in der Westendstr. gewohnt und wir waren bei meiner Oma und Opa in Bad Kreuznach in Urlaub. An dem Tag, als der Splittergraben bombardiert wurde, standen wir auf einer Brücke und haben von dort aus gesehen, wie Mainz total hell war und über all die Tannenbäume am Himmel. Mein Opa sagte: „Und jetzt wird Mainz bombardiert”. Mein Opa bekam am nächsten Tag ein Telegramm, er solle nach Mainz kommen, was er dann auch getan hat. Als er zurück kam, sagte er zu meiner Oma, es sei fürchterlich gewesen. Im Splittergraben hingen in Betonspalten Leichen mit den Köpfen nach unten und überall lägen Leichenteile herum.
Quelle: Zitiert aus: Geschichts- und Brauchtumsverein Mainz-Weisenau e.V. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte Weisenaus (Band 8), Mainz 2015, hier S. 65.
Ich war mit meiner Mutter und meinem Brüderchen im Splittergraben. Wir haben gerade um die Ecke gesessen, wo die vielen Toten waren. Wir waren die einzigen, die rausgekommen sind. Unser Leben haben wir einem der Helfer zu verdanken. Der hat uns unter den Trümmern herausgezogen. Dann haben sie mich unter die Toten gelegt. Ich habe irgendwann gerufen: Ich bin nicht tot, aber man hat mich nicht gehört. Bis ein anderer Mann kam und sagte, das Kind zappelt mit seinem Fuß. Ich war damals 13 Jahre alt und ich kann das mein Leben lang nicht vergessen. Ich krieche heute noch nachts unter die Bettdecke, wenn ich ein Flugzeug höre.
Quelle: Zitiert aus: Geschichts- und Brauchtumsverein Mainz-Weisenau e.V. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte Weisenaus (Band 8), Mainz 2015, hier S. 65f.
Erinnerungsstele am Standort des ehemaligen Splittergrabens am Bettelpfad, Mainz-Weisenau
Die Erweiterung des Denkmals nach dem Zweiten Weltkrieg
Feiern und Gedenken am Denkmal
Der Alte Friedhof und das Denkmal seit der Jahrtausendwende
Als letztes sei darauf hingewiesen, daß eine umfassende Restaurierung des Kriegerdenkmals vordringlich ist, zumal es in einer zukünftigen Zone der Ruhe und Besinnlichkeit einen würdigen Platz einnehmen wird.“
Heute
Und doch sieht man vereinzelt, dass Menschen immer noch hierherkommen, um der Toten zu gedenken und Kerzen aufstellen oder Blumen ablegen
Interviews
Diese virtuelle Ausstellung ist das Ergebnis eines Hauptseminars zu Mainzer Kriegerdenkmälern, das im Wintersemester 2023/24 durch den Arbeitsbereich Zeitgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angeboten wurde, sowie einer Exkursionsübung im Sommersemester 2024, in deren Rahmen Studierende ausgewählte Mainzer Kriegerdenkmäler aufgesucht haben.
Das Hauptseminar wurde als Modell-M Seminar (Mainzer Modelle für digital erweitertes Lernen) der Stiftung Innovation in der Hochschullehre durchgeführt.
Zu den Autor:innen der Ausstellung zählen Nicolai Eckert, Felix Obermüller, Nicolas Scheerer, Alexandros Divriotis, Hanna Hülbusch, Julius Wentland, Leo Döring, Franziska Größl. Die filmische Dokumentation der Exkursion haben Theresa Schiffer, Ernst Christoph Sauerbrei, Elias Nikolai Daul, Svenja Schneider und Robin Jeremy Köhler geleistet. Die fachliche Begleitung der beiden Veranstaltungen lag in den Händen von Prof. Dr. Michael Kißener.
V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Michael Kißener, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Jakob-Welder-Weg 18, 55128 Mainz.
Sollten sich trotz sorgfältiger Recherchen Fehler oder Irrtümer in die Präsentation eingeschlichen haben, wird um Meldung an Prof. Dr. Michael Kißener gebeten. Mögliche Bildrechte sind umfänglich recherchiert worden. Sofern keine Bildrechte ermittelt werden konnten, aber nachweisbare Ansprüche bestehen, bitten die Autor:innen um Meldung an Prof. Dr. Michael Kißener.
Alle Beteiligten danken mit großem Nachdruck den konsultierten Archiven, vor allem dem Stadtarchiv Mainz (insbesondere Dr. Frank Teske) und dem Dom- und Diözesanarchiv Mainz (insbesondere PD Dr. Thomas Brockmann) sowie den unterstützenden Organisationen (Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) und Gesprächspartnerinnen/Gesprächspartnern, auch in lokalen Historischen Vereinen.
Diese digitale Ausstellung wäre nicht möglich gewesen ohne die Universitätsbibliothek Mainz, die die gestalterische und technische Umsetzung geleistet hat. Hier gilt unser besonderer Dank Frau Silke Mohr.
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